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lyrisches

Montag, 21. September 2009

Interessante Zeiten

Ich weiß wie Himmel bersten, wie Blitze niederhämmern.
Ich kenn den Sog der Strudel und den Strom der Nacht.
Wie aufgescheuchtes Taubenvolk seh ich den Morgen
dämmern.
Und manchmal sieht mein Auge auch, was Menschen nur
gedacht.
Gleich einer Insel wogt auf meinem Deck das Zanken
Streitender Silbervögel um den weißen Kot.
Doch ich treib weiter. Durch die morschen Planken
Scheint Himmel auf Ertrunkne bleich und tot.
Sternarchipele seh ich dort in weiter Ferne ragen.
Ich, ein verlornes Schiff, zur Wanderschaft nicht mehr bereit.
Ich fühl, ihr Wellen, eingehüllt in euer Schlagen,
Wie wassertrunken mein Gerippe, wies an der Zeit.

(A. Rimbaud)

Freitag, 6. Juni 2008

Märchen VIII

Donnerstag, null Uhr
Multiorganversagen
davor eine halbe Stunde schwerer Atem
Blässe

der Anruf
kommt immer zu früh

Donnerstag, 14. Juni 2007

Künstler werden

Rainer Werner Fassbinder war als Jugendlicher in seine Schulfreundin (!) verliebt, die er sogar heiraten wollte:"Man liebt nur einmal so / In Wind und Meer und allen Elementen / Einmal beginnt es irgendwo / Und einmal wird es enden.“
1962 wohnte Fassbinder bei seinem Vater, einem Hausverwalter, in Köln. Er besuchte dort das Abendgymnasium und ging mehrmals täglich ins Kino. Außerdem verfasste er, wo er ging und stand, Gedichte: “Die Verse sagen alle nichts Neues. Noch nicht.“
Irgendwann hat er dann wohl herausgefunden, dass er kein Lyriker war.
Und dass er Neues anders sagen musste.

Samstag, 10. März 2007

Zwölf

Vor der großen Scheune
steht eine Schaukel
Nacht
Nordseehimmel im Sommer
leises Gelächter und Musik von fern
deine langen Strähnen
fallen mir ins Gesicht
Geruch nach Haar dein Haar und
Meer

Weit offener Himmel mein Leben Sterne die
Schaukel deine bloßen
Arme
dein Ernst

Samstag, 10. Februar 2007

Fall ab, Herz

Tränen des Herzens sind vielleicht hier eher zu finden als Herzensergießungen (für die es dann doch nicht reicht). Gefunden von C. Araxe.

IMG_7516

Fall ab, Herz, vom Baum der Zeit.

Samstag, 2. September 2006

Geburtstag (Märchen VII)

Als ich klein
war
fielen mir
für den Geburtstag
des alten Säufers
immer nur
zwei
mögliche Geschenke
ein

ein Flaschenöffner
oder
ein Aschenbecher

Sonntag, 25. Juni 2006

Märchen VI

Der alte Säufer -
ein Geruch
nach Ammoniak, Urin, süßlichem Tod
die Haut
versucht
die Gifte auszudünsten

im Inneren
versagen die Maschinen
ein Bitterfeld
organischer Ruinen liegt
im aufgeschwemmten Leib

die fremden weichen Hände
ruhen auf dem Bett
wie tot

wie tot
wie tot
bist du

Donnerstag, 9. März 2006

Märchen V

Der alte Säufer
steht nicht mehr auf

er schafft es nicht mehr
zum Sofa ins Wohnzimmer

er wird sterben

bald

wird
er
sterben

und ich
fahre nicht hin

Freitag, 13. Januar 2006

Märchen IV

Der alte Säufer hat achtundzwanzig Diagnosen
er hat ein Spezialbett
er hat zwei Helferinnen von der Caritas
er hat eine Frau die ihn pflegt
er hat 10 Milligramm Haldol am Tag

die Zeit läuft weiter

Freitag, 6. Januar 2006

Märchen III (on the road im Krankenwagen)

Pflegeheim
Krankenhaus
Pflegeheim
Krankenhaus
Pflegeheim
Pflegeheim
Zuhause
Krankenhaus
Uniklinik
Zuhause
Landeskrankenhaus
Uniklinik
Landeskrankenhaus
Zuhause
Zuhause
Krankenhaus
Zuhause

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Zuletzt aktualisiert: 19. Dez, 15:20

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